Hallo allesamt,
da ich es im Strang „Kunst – überwiegend brotlos“ kurz angesprochen habe, möchte ich euch Folgendes nicht vorenthalten und zur Diskussion stellen:
Man muss dazu wissen, dass das MARTa Herford wegen eines Defizits von ca. einer halben Million Euro bei den Betriebskosten erheblich in die Schlagzeilen geraten war und daher der Leiter, Jan Hoet, dazu öffentlich Stellung bezog.
(Auszüge aus: Offener Brief an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Herford, Jan Hoet, 23. Juni 2006, im Ganzen auf der Homepage vom Herforder Museum MARTa veröffentlicht)
Zitat:
Angesichts der negativen Schlagzeilen möchten ich Ihnen gerne noch einmal unseren Blick auf die jetzige Situation und vor allem auf die Zukunft erklären.
Ich kann einige der kritischen Stimmen durchaus verstehen. Manch einer mag keine zeitgenössische Kunst und geht lieber in Ausstellungen mit Themen klassischer Kunst.
Das Museumskonzept von MARTa Herford beruht aber auf einer Wahl, die in Herford einstimmig getroffen und vom Kulturministerium von NRW bestätigt wurde: man hat sich für aktuelle Kunst und aktuelles Design mit internationalem Renomeé entschieden und nicht für alte Kunst und ein Konzept wie etwa im Louvre. Deswegen müssen wir das MARTa Herford auch mit Museen vergleichen, die das gleiche Konzept haben. Man sollte also nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.
Unsere Ausstellungen begründen sich auf ein Konzept, in dem die Fragestellungen unserer heutigen globalisierten Welt die Künstler von heute inspirieren – und zwar sowohl in der Kunst, als auch in der Architektur und im Design. (…)
Wir sind davon überzeugt, dass wir heute Kunst zeigen, die nicht nur heute wirklich wegweisend ist, sondern vor allem auch in Zukunft Bestand haben wird. (…)
Obwohl ich lieber über die Inhalte von Kunst spreche als über Geld sollten die Herforder doch wissen, dass etwa die Kugel von Luciano Fabro am Kreisverkehr oder die vier kleinen Bilder von Wilhelm Sasnal inzwischen auf dem internationalen Kunstmarkt längst deutlich höhere Werte haben als die Preise, die wir ursprünglich bezahlten. Der Ball von Luciano Fabro, der damals 100.000 Euro kostete, könnte heute bei Sothebys einen Wert von mindestens 250.000 Euro erzielen. Und die vier Bilder Sasnals, die damals 12.000 Euro kosteten, sind heute bei Sothebys auf ca. 100.000 Euro geschätzt worden.
Ein einfacher Ratsbeschluss der Stadt würde genügen diese Werke zu verkaufen – sowohl das Fehlen der Werke als auch die ausbleibende künftige Wertsteigerung läge dann allerdings nicht mehr in unserer Verantwortung. MARTa Herford wird auf lange Sicht neben der Erfahrung aufregender Kunst auch neue „Werte“ schaffen.
In der Tat werden und müssen wir dort, wo es möglich und sinnvoll ist auch Geld einsparen. Zum Beispiel habe ich die Hälfte der Bücher in der Museumsbibliothek aus meinem eigenen Bestand gestellt. (...)
Außerdem sollte auch benannt werden, worüber in den letzten Tagen nicht gesprochen wurde: über das durch MARTa Herford gestiegene Renomeé der Stadt und deren gewachsenen Bekanntheitsgrad, über die Fördermittel, die MARTa Herford erfolgreich eingeworben hat. Und wer spricht eigentlich über die indirekten Einnahmen der Herforder Wirtschaft mit Gaststätten, Hotels und Geschäften etc. (…)
Dazu noch ein Bericht des wdr 3 vom 24.7.06:
Zitat:
Der Trend zum Manager
Über Jan Hoet und die Entwicklung der Museumslandschaft
Der FAZ-Feuilletonkorrespondent Andreas Rossmann im Gespräch
Es ist noch nicht lange her, dass Jean-Hubert Martin seinen Posten an der Spitze des Museums Kunst Palast in Düsseldorf vorzeitig kündigte. "Auf eigenen Wunsch", wie es schlicht hieß. Aber hinter diesem Wunsch steckte offenbar mehr: die wachsende Einflussnahme des Hauptsponsors aus der Wirtschaft. Immer öfter scheinen Museumsleiter in Situationen zu geraten, in denen sie sich einer ökonomischen Logik unterwerfen müssen. Und einer tut dies jetzt ganz explizit und erhobenen Hauptes: Jan Hoet, der Leiter des Museum MARTa in Herford hat sich bereit erklärt, für bestimmte Verluste persönlich zu haften (Hervorhebung Tanja).
Was haltet ihr davon?
Sollten zukünftig MuseumsleiterInnen dann, wenn sie das (zumeist knappe Budget) überziehen, den Verlust aus eigener Tasche zahlen?
Erzieht man sie so womöglich zu besseren „Managern“, falls das tatsächlich begrüßenswerter Trend sein sollte?
Sollen Museen ihre Bestände verkaufen, um ihre zu hohen Betriebskosten zu finanzieren? Wann ja, wer entscheidet, welche Werke verkauft werden?
LG
Tanja