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 Betreff des Beitrags: Kunstvermittlung zukünftig Kunstmanagement?
BeitragVerfasst: 14.09.2006 20:08 
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Hallo allesamt,

da ich es im Strang „Kunst – überwiegend brotlos“ kurz angesprochen habe, möchte ich euch Folgendes nicht vorenthalten und zur Diskussion stellen:


Man muss dazu wissen, dass das MARTa Herford wegen eines Defizits von ca. einer halben Million Euro bei den Betriebskosten erheblich in die Schlagzeilen geraten war und daher der Leiter, Jan Hoet, dazu öffentlich Stellung bezog.

(Auszüge aus: Offener Brief an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Herford, Jan Hoet, 23. Juni 2006, im Ganzen auf der Homepage vom Herforder Museum MARTa veröffentlicht)

Zitat:
Angesichts der negativen Schlagzeilen möchten ich Ihnen gerne noch einmal unseren Blick auf die jetzige Situation und vor allem auf die Zukunft erklären.
Ich kann einige der kritischen Stimmen durchaus verstehen. Manch einer mag keine zeitgenössische Kunst und geht lieber in Ausstellungen mit Themen klassischer Kunst.

Das Museumskonzept von MARTa Herford beruht aber auf einer Wahl, die in Herford einstimmig getroffen und vom Kulturministerium von NRW bestätigt wurde: man hat sich für aktuelle Kunst und aktuelles Design mit internationalem Renomeé entschieden und nicht für alte Kunst und ein Konzept wie etwa im Louvre. Deswegen müssen wir das MARTa Herford auch mit Museen vergleichen, die das gleiche Konzept haben. Man sollte also nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.

Unsere Ausstellungen begründen sich auf ein Konzept, in dem die Fragestellungen unserer heutigen globalisierten Welt die Künstler von heute inspirieren – und zwar sowohl in der Kunst, als auch in der Architektur und im Design. (…)

Wir sind davon überzeugt, dass wir heute Kunst zeigen, die nicht nur heute wirklich wegweisend ist, sondern vor allem auch in Zukunft Bestand haben wird. (…)

Obwohl ich lieber über die Inhalte von Kunst spreche als über Geld sollten die Herforder doch wissen, dass etwa die Kugel von Luciano Fabro am Kreisverkehr oder die vier kleinen Bilder von Wilhelm Sasnal inzwischen auf dem internationalen Kunstmarkt längst deutlich höhere Werte haben als die Preise, die wir ursprünglich bezahlten. Der Ball von Luciano Fabro, der damals 100.000 Euro kostete, könnte heute bei Sothebys einen Wert von mindestens 250.000 Euro erzielen. Und die vier Bilder Sasnals, die damals 12.000 Euro kosteten, sind heute bei Sothebys auf ca. 100.000 Euro geschätzt worden.

Ein einfacher Ratsbeschluss der Stadt würde genügen diese Werke zu verkaufen – sowohl das Fehlen der Werke als auch die ausbleibende künftige Wertsteigerung läge dann allerdings nicht mehr in unserer Verantwortung. MARTa Herford wird auf lange Sicht neben der Erfahrung aufregender Kunst auch neue „Werte“ schaffen.

In der Tat werden und müssen wir dort, wo es möglich und sinnvoll ist auch Geld einsparen. Zum Beispiel habe ich die Hälfte der Bücher in der Museumsbibliothek aus meinem eigenen Bestand gestellt. (...)

Außerdem sollte auch benannt werden, worüber in den letzten Tagen nicht gesprochen wurde: über das durch MARTa Herford gestiegene Renomeé der Stadt und deren gewachsenen Bekanntheitsgrad, über die Fördermittel, die MARTa Herford erfolgreich eingeworben hat. Und wer spricht eigentlich über die indirekten Einnahmen der Herforder Wirtschaft mit Gaststätten, Hotels und Geschäften etc. (…)


Dazu noch ein Bericht des wdr 3 vom 24.7.06:

Zitat:
Der Trend zum Manager
Über Jan Hoet und die Entwicklung der Museumslandschaft
Der FAZ-Feuilletonkorrespondent Andreas Rossmann im Gespräch

Es ist noch nicht lange her, dass Jean-Hubert Martin seinen Posten an der Spitze des Museums Kunst Palast in Düsseldorf vorzeitig kündigte. "Auf eigenen Wunsch", wie es schlicht hieß. Aber hinter diesem Wunsch steckte offenbar mehr: die wachsende Einflussnahme des Hauptsponsors aus der Wirtschaft. Immer öfter scheinen Museumsleiter in Situationen zu geraten, in denen sie sich einer ökonomischen Logik unterwerfen müssen. Und einer tut dies jetzt ganz explizit und erhobenen Hauptes: Jan Hoet, der Leiter des Museum MARTa in Herford hat sich bereit erklärt, für bestimmte Verluste persönlich zu haften (Hervorhebung Tanja).



Was haltet ihr davon?
Sollten zukünftig MuseumsleiterInnen dann, wenn sie das (zumeist knappe Budget) überziehen, den Verlust aus eigener Tasche zahlen?
Erzieht man sie so womöglich zu besseren „Managern“, falls das tatsächlich begrüßenswerter Trend sein sollte?
Sollen Museen ihre Bestände verkaufen, um ihre zu hohen Betriebskosten zu finanzieren? Wann ja, wer entscheidet, welche Werke verkauft werden?

LG
Tanja


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BeitragVerfasst: 15.09.2006 03:49 
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Hier scheint ein extrem hohes Maß an persönlichem Engagement vorhanden zu sein. Allerdings kann sich ein normaler Angesteller der vom Gehalt leben muß, auch solche Garantien nicht leisten.
Wohlhabende Förderer der Künste in solche Positionen zu locken ist natürlich eine sinnvolle Aufgabe. Es funktioniert nur wenn die gesellschaftliche Anerkennung solcher Leistungen auch als Lohn gewährt wird.
Viel zu häufig war bisher Undank der Lohn. Vielleicht wird das ja besser - in Zukunft.

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BeitragVerfasst: 15.09.2006 07:09 
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ein interesanter Diskussionsstoff Tanja
auch mit passend zum Thema:

Zitat:rp-online vom 30.8.06

Vorbild für klamme Kommunen?
Krefeld will mit 20-Millionen-Gemälde Museum sanieren

Krefeld (RP). Um ein Museum sanieren zu können, überlegt die Stadt Krefeld, ein weltberühmtes Gemälde von Claude Monet zu verkaufen. Ein Vorbild für andere klamme Kommunen - oder ein Irrweg? Experten und Politiker sind uneins.

Darf eine Stadt ein Kunstwerk verkaufen, um Geld einzunehmen? Diese Frage wird in Krefeld kontrovers diskutiert. Oberbürgermeister Gregor Kathstede (CDU) hatte den Spitzen der Ratsfraktionen die Überlegung vorgestellt. „Wir müssen unser Museum für die Zukunft aufstellen und wollen es deshalb in eine Stiftung überführen. Dafür brauchen wir Geld“, erklärte er gestern im Gespräch mit unserer Redaktion.

weiter hier: www.rp-online.de/public/article/nachric ... nrw/349772


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BeitragVerfasst: 15.09.2006 09:08 
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Ein lebendiges Museum muss immer wieder Werke ankaufen und verkaufen können. Ich finde daran überhaupt nichts ungewöhliches. Ich wundere mich das so etwas überhaupt prinzipiell diskutiert wird. Vielleicht lebt das betreffende Museum schon lange nicht mehr. ;-)

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BeitragVerfasst: 15.09.2006 11:04 
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... ich gebe zu bedenken (bitte nicht als mein persönliches Anliegen zu verstehen), dass ein Museum ja auch einen so genannten Bildungsauftrag hat, das heißt, seine vorrangige Aufgabe liegt in der Bewahrung des Kulturguts, der Sammlung und Pflege und sollte (!) einen repräsentativen Querschnitt zeigen – dafür wird es „eigentlich“ von Stadt, Land und Staat finanziell gestützt (was intern an Fehlinvestitionen laufen mag, bleibt dahingestellt).
Wobei: Bei einem Museum, dass schon sehr lange besteht, hat es verschiedene LeiterInnen gegeben, die alle eine sehr individuelle und auch vom jeweiligen Zeitgeist geprägte Vorstellung hatten, was nun „wert“ ist, in die Sammlung aufgenommen zu werden.
Im erstgenannten Punkt besteht jedenfalls zunächst einmal der gravierende Unterschied zu einer Galerie, deren Konzept es ja ist, zu kaufen und zu verkaufen.
Müsste es nicht dann auch darum gehen, die Aufgabe des Museums neu zu definieren? Worin seht ihr denn diese "Aufgabe"?

Unabhängig davon, dass es sicherlich Exponate in Museen gibt, die als weniger wichtig (ich möchte jetzt hier keine Kriterien für Wichtigkeit oder Unwichtigkeit von Kunstwerken schaffen!) erachtet werden – nochmals die Frage: Wer entscheidet das dann über den Verkauf – die Museumsleitung, die ja auch für mögliche Ankäufe verantwortlich zeichnet, je nach Struktur des Museums, oder aber die Bürger, für die ja nun dieser Bildungs- und Bewahrungsgedanke eigentlich gedacht ist? Da streiten sich dann womöglich die einen, die „ihren“ Chagall behalten wollen, gegen diejenigen, die in Baselitz das non plus ultra sehen ...
Monet bringt viel Geld - fehlt dann aber in einer Sammlung möglicherweise und in letzer Konsequenz als Publikumsmagnet, wenn man denn schon "marktwirtschaftlich" denken will ...

Heinrich, meinst du mit „vielleicht lebt das betreffende Museum schon lange nicht mehr“, dass es den Zeitgeist nicht erkannt hat?

LG
Tanja


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BeitragVerfasst: 15.09.2006 11:31 
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Tanja hat geschrieben:
.....
Heinrich, meinst du mit „vielleicht lebt das betreffende Museum schon lange nicht mehr“, dass es den Zeitgeist nicht erkannt hat?

LG
Tanja

Ich denke nicht das es "heutiger" Zeitgeist ist, das Museen kaufen und acuh mal verkaufen, sondern das es schon immer so war.
Nur, wenn ein Museum oder eine Pinakothek lange nicht mehr neu ausgerichtet wurde oder die Sammlungen nicht revisioniert wurden, dann entsteht gar nicht die Frage ob etwas verändert werden soll. Und solch eine Ausstellung ist "tot".

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