Kunstforum

Kunstforum

Diskussionen rund um Fotografie, Malerei, Lyrik, Skulptur und Kunstmarkt
 
Aktuelle Zeit: 11.02.2012 06:24

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 1 Beitrag ] 
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Der Kunstskandal in der Theresienkirche
BeitragVerfasst: 03.07.2007 12:34 
Offline
Moderator
Moderator
Benutzeravatar

Registriert: 14.10.2006 18:44
Beiträge: 543
Wohnort: Tirol
Der Kunstskandal rund um die Fresken von Max Weiler in der Theresienkirche auf der Hungerburg (Innsbruck/ Tirol/ Österreich)


Entstehung der Theresienkirche:
- 1928 wurde ein bild der hl. Theresia von Lisieux (1873-1897) in einem Gartenhaus auf der Hungerburg aufgestellt (die Heilige erscheint auf einem landschaftlich erhöhten Punkt und wird zum identitätsstiftenden Mittelpunkt einer Gemeinschaft)
- 1931 initiierte das Stift Wilten den Bau der ersten Theresienkirche Österreichs
- 19.Juni 1932 wird die Theresienkirche eingeweiht

Erscheinungsbild der Kirche (vor dem Zweiten Weltkrieg):
- Außenwirkung beherrscht von wuchtigem Turm, autoritärer Staats-Katholizismus der Ära Seipel (Bundeskanzler 1926 – 1929)
- in der Kirche Reformvorstellung der liturgischen Bewegung (Ziel der Erneuerung und Vertiefung des Verständnisses der kirchlichen Liturgie unter den Gläubigen zum)
- 1935 – 1938 wurde Ernst Nepo mit der Freskierung der Kirche beauftragt. Unter Hitler sollte er Kunstbeauftragter werden
o karmelitische Brauntöne, neonarzistisch
o Arbeiten wurden 1938 (Anschluss an Hitlerdeutschland) eingestellt

Nachkriegszeit:
- Dominikus Dietrich plante 1945 eine komplette Neugestaltung zum 150-Jahr Jubiläum der Weihe des Landes Tirol an das Herz Jesu (1796) und wollte damit einen national-religiösen Wallfahrtsort schaffen
- der Künstler Max Weiler wurde somit mit den Fresken beauftragt
- Das Doppeltes Jubiläum:
o 150-Jahr Jubiläum der Herz-Jesu-Verehrung in Tirol
o Dankbarkeit den Zweiten Weltkrieg und das NS-Regime überstanden zu haben und Hoffnung der Wiedervereinigung mit Südtirol

Herz-Jesu-Kult:
o Herz als Symbol des inneren (geistig-seelischen) Menschen und der Liebe
o vom Herz-Jesu ist aber erst im Mittelalter die Rede
o im Bild des blutenden Herzen kommen Liebes- und Leidensmystik zusammen, und es entsteht eine neue Form von Innerlichkeit zur Deckung
o im Zentrum steht die Sühneleistung für die Schmerzen die die Menschen durch ihre Undankbarkeit dem Herzen Jesu zufügen
o Widerstand gegen Liberalismus, Aufklärung und Sozialismus
o seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) hat es an Bedeutung verloren

Herz-Jesu-Verehrung in Tirol:
o am 1.Juni 1796, als Napoleon kurz vor der Schwelle nach Tirol stand, hatte der Stamser Abt Stöckl bei den Tiroler Landständen im Schloss Toggenburger (Bozen - Südtirol) beantragt „fortan das Fest des göttlichen Herzens Jesu mit feierlichem Gottesdienst zu begehen, wenn Tirol von der drohenden Feindesgefahr befreit würde.“
o der folgende Abwehrkrieg erhielt die Weihe eines Religionskrieg
o 1796 und 1797 konnten die französischen Truppen abgewehrt werden und die Herz-Jesu-Verehrung wurde zu festem Bestandteil des Tiroler Nationalbewusstsein
o die Tiroler galten nun als das sakrale „Auserwählte Volk“
o später wurde die Sommersonnenwende auf das Herz-Jesu-Fest verlegt
o mit der Rückbesinnung auf die Herz-Jesu-Verehrung sollte der wehrhafte, kulturkämpferische Katholizismus des „heiligen Landes Tirol“ wiederhergestellt werden

Die Fresken:

Thema: Tiroler Passionsspiele
Kompositionsprinzip: Isolierung der Figuren und ihre Montage in einen gemeinsamen Flächenzusammenhang
- geplant waren 6 Fresken die nur die Apsis aussparten
- das Modell wurde in Orginalgröße angefertigt und von einer Jury aus Laien und Klerikern genehmigt

1946 Westwand:
Verehrung des Herzens Jesu
- Grundidee von Lukas Cranach „Verehrung des Herzen Jesu“ 1505
- in zwei Zonen geteilt:
himmlisch – irdisch
- Gott bietet den Gekreuzigten das Herz als Sühnemittel für die Menschheit und nimmt nicht das Kreuzopfer an
- Planetenkreis: als Figuren dargestellt: Neptun – Venus – Mars – Herz Jesu als Mittelpunkt des Kosmos
- Kreuz schwebt über der Erde (Tiroler Landschaft, Innsbruck)
Bild

1947 Ostwand:
Johannesminne und Ölberg
- das Motive stammt aus dem Johannesevangelium
- es stellt den an der Brust Jesu ruhende Lieblingsjünger Johannes und Jesu in Todesangst dar
- Figuren werden durch Farbsubstanz definiert
- Jesus in Primärfarben Rot-Blau; Johannes in Komplementärfarbe Grün mit roten Konturlinien
- Ölberglandschaft in Tiroler Landschaft versetzt (Hall, Kellerjoch)
- Körper Jesu mit rotem Schimmer umgeben der auch zu Boden rinnt („Und er betete in seiner Angst noch inständiger, und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.“ LK 22,44)
- das Ölbergleiden gehört zu den wichtigsten Riten der Herz Jesu-Verehrung
Bild

Herz-Jesu-Sonne:
- inhaltliche wie kompositorische Äquivalent zu „Verehrung des Herzen Jesu“
- stellt Verbindung zwischen Herz Jesu und Land Tirol dar
- folgt Vision von Marguerite-Marie Alacoque („Es (Herz-Jesu) ward mir vorgestellt wie auf einem Throne von Feuer und Flammen, nach allen Seiten hin strahlend, glänzend als die sonne und durchsichtiger Kristall…“)
- Strahlen werden durch Engel dargestellt – diese wiederum wie Diakone
- unten die fest gefügte Ordnung der Laien nach Geschlecht getrennt und nach Alter aufgereiht.
- das Herz Jesu wird getrennt vom Körper dargestellt, was nicht der kirchlichen Ordnung entspricht
Bild

Lanzenstich:
- Akt des Lanzenstichs war ein Heilsakt (Soldat wurde heilig gesprochen)
- Dramatik: Sonne verfinstert sich, Kreuz neigt sich, Kreuz nicht in Bildmitte, Menschen haben sich abgewandt, ein Bauer führt den Lanzenstich
- ursprünglich sollte der Schützenhauptmann die Lanze führen, was jedoch auf Intervention des Bischofs geändert wurde
- Weiblichen Gestalten sind betroffen und Männer stehen teilnahmslos daneben
Bild


Der Bilderstreit:
- bemängelt wurde:
o die inhaltliche Darstellung (Engel mit Ministrantenähnlichen Kleidern, Blaues Pferd, Bauern mit Händen in den Hosentaschen)
o „ungezügelte Formsprache“
o Ausführung („Schmierskizze“, „etwas Unfertiges, Flüchtiges, Saloppes“, „Figuren wirken abstoßend“, „grobe Darstellung des Gottvaters“, „unproportionierter Christuskörper“, etc.)
- nach ersten Protesten mussten Abänderungen gemacht werden und die Arbeit wurde anschließend fortgesetzt

- Der Landarbeiter, Michael Steindl, klagte 1948 im Namen des gesamten Bauernstandes „wegen der Übertretung der Sicherheit der Ehre des gesamten Tiroler Bauernstandes…, Verbrechen der Religionsstörung,…
die Klage wurde jedoch aus formellen Gründen abgewiesen
- Der Priester Karl Felch wendete sich jedoch gleich an den Vatikan, der dann Bischof Rusch zu Rate zog und ihn zum Sachverhalt befragte.
Dieser betonte, dass er selbst die Fresken nicht gut heißen könne, bis jetzt noch nicht in die Diskussion involviert war, die Gemeinde die Bilder auch ablehne, aber dennoch den Gottesdienst besuche.
Ein Streit zwischen Künstlern und dem gemeinen Volk brach aus
Deshalb wurde verordnet, dass die Malerei eingestellt werden sollte, bis eine Genehmigung aus Rom vorliege
Die Sacra Congregatio Concilii verbot die Fresken und so wurden sie am 14.Juni 1950 verhängt
1958 wurden die Fresken jedoch wieder abgehängt.
Der Grund der angegeben wurde war, dass sich die Gemeinde über die "Verschmutzten Lacken aufrege", der eigentlich Grund war jedoch der Protest gegen die festgefahrene Meinung des Vatikans was Kunst betrifft.

Mehr zu Max Weiler und seiner Arbeit:
www.maxweiler.at


Quellen:
"Kultur im Konflikt - Die Fresken von Max Weiler in der Theresienkirche auf der Hungerburg" von Irmgard Plattner
Max Weiler, Die Fresken der Theresienkirche in Innsbruck 1945-47, Haymonverlag
Die Fresken der Theresienkirche auf der Hungerburg - Lesungsprotokoll von unbekanntem Autor mit dem Vornamen Karl
Schreiben des Seelsorgerates der Pfarrgemeinde Hötting (26.8.1946)
Argumente des Bauern Michael Steindl in seiner Anklageschrift (30.10.1948)
Schreiben der Sacra Congregatio Concilii an Bischof Paulus Rusch (3.4.1950)
Brief von Max Weiler an Bischof Paulus Rusch, Innsbruck (20.6.1950)
Schreiben des Bischofs Paulus Rusch an die Sacra Congregatio Concilii (10.2.1951)


Diesen Beitrag melden
Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 1 Beitrag ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste


Du darfst neue Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron
Powered by phpBB © 2000, 2002, 2005, 2007 phpBB Group
Template made by DEVPPL
art-perfect - Portal für Kunst und Kultur, Galerie
Antikschmuck | Schmuck als Geschenk | Schmuck zur Hochzeit
- Deutsche Übersetzung durch phpBB.de