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 Betreff des Beitrags: Und Blau
BeitragVerfasst: 21.02.2010 19:37 
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Die Fenster der Kirche, auf deren Boden ich kniee, sind blau und rot und gelb und blau. Und blau. Blau bedeutet weit weg. So, wie die Dämmerung, die man in den Köpfen der Betenden nach draußen verbannt hat. In Wirklichkeit jedoch hängt sie vor den Fenstern, windet sich durch das Glas hindurch und rieselt hinab auf ihre Gesichter. Vor ihr, der Dämmerung, kann sich nicht einmal eine Kirche schützen, auch, wenn ich lange Zeit beständig daran festhielt, sie könne es. Aber immer noch, und ich vergaß und nun erinnere ich mich, ist sie menschengemacht. Nichts, was menschengemacht ist, kann der Dämmerung entkommen. Ich wünschte, du könntest dich erinnern.
Im anderen Kirchenschiff, nach dem Lichter, die lang von der hohen Decke hängen, den Weg zieren, sehe ich dich sitzen und hinter einer Ecke hervorschauen. Dein Gesicht ist halb im Schatten versunken. Ich kann dich kaum sehen, denn dein Mund und deine Nase und deine Augen, sie haben sich in einem heterogenen Brei schon benachteter Hautflächen bepunktet mit einzelnen, noch von dem Licht der Deckenlampen bespränkelten Flecken, aufgelöst. Und das ist die Dämmerung - eine Mischung aus Hell und Dunkel, sich befindend in einem Zwischenzustand der Fröhlichkeit und des Trübsinns - sie ist der Übergang, die Unsicherheit; Und keine Kirche gibt mir Sicherheit. Und auch dein Gesicht nicht, denn so dämmrig und unsicher ist es mir, dass ich dich dahinter nicht recht zu erkennen vermag. Und es ist so unsicher, weil ich es mit meinem eigenen, unsicheren Gesicht betrachte und mir ist, als sähest du mich ebenso an. Aber dein Blick scheint gebrochen - tausendmal gewunden und ausgefranst zieht er sich zu mir herüber und seine Fransen schwingen dünn in den Raum hinein und schwingen über die Schöpfe der betenden Leute.
Kaum deinen Blick ertragend und mich dennoch nach ihm sehnend, sehe ich hinauf zu dem schmalen Fensterstreifen unter der Decke und sehe das Blau überwiegen und sich in die anderen Farben fahl und dämmrig überstürzen, und dann löst es sich wie kalte Wassertröpfchen in der Kirchenluft, die ganz warm ist von den Betern. Auch auf meine Haut haben sich blaue Tröpfchen niedergeschlagen und über mich und in mich hinein fährt ein Gemenge von punktartiger, nulldimensionaler Kälte und einem Wärmewulst, der von den Herzen um mich her zu mir herüberweht. Und während das Rot so weht aus ihren Herzen, legt sich das Blau in die Zwischenräume ihrer Körper und auch zwischen ihre Hände und Arme, von denen manche fremde Schultern umschlungen halten.
Während ich meine Arme um mich selbst lege, um mich von der Kälte zu wärmen und von der Wärme abzukühlen, und dabei zur Decke blicke, sehe ich, wie die Fenster langsam auseinander fallen; ich verfolge sie, wie sie nach unten in den Raum hinein segeln und sich wie Seidentücher auf die Gesichter der Beter niederlegen und sie ganz fern machen. Weit weg, weit weit blauweg. Und sie zerfallen auch auf dein Gesicht, machen es fern. Denn Blau bedeutet weit weg. Und nun löst sich dein Blick, der sich vorher noch zu mir herüberzog, auf in Blau. Blau, blau weht es durch den Raum und diese ewige Farbe vermischt sich auch mit dem Rot, das von den Fenstern noch übrig geblieben ist, und welches warm aus den Herzen der Menschen strömt, und auch aus meinem. Ein Herzstrom aus Rot wölbt sich über mir in die Höhe und zerschellt wie eine Welle an meinem Verstand in tausend Tropfen, die, als sie mit dem Blau zusammenstoßen, in Dämmerung zergehen. Alles hier ist dämmrig, alles hier ist unsicher!
Ist da jemand? Ich sehe mich um, suche nach Halt, doch alles beginnt zu verschwimmen, die Wände wölben sich über mich, die Deckenlampen gleiten auf den Boden, auf den glühenden Boden, der so heiß wird, dass sich seine Hitze in Kälte vertäuscht. Auch der Altar zerfließt in Blau und das Jesuskreuz, das hoch oben an der Decke trumpht, stürzt hernieder und zergeht in der Menschenmenge. Ich suche nach Gesichtern, die mich retten. Aber ich sehe sie nur von Tüchern eingehüllt, durch die mir ihre Münder wohlig transparent entgegenlächeln, bevor es sich verwandelt, ihr Lächeln, in eine grinsende Fratze, die mich durch den blauen, fahlen Stoff naiv anstiert.
Als sich mein Blick auf deinen Platz flüchtet, finde ich dich nicht und als ich dann aufstehen und nach dir suchen möchte, merke ich, dass mein Dasein längst in einer Endlosschleife stockt.
Und während ich hier ewig auf dich warte, gehst du in einer fernen Parallelwelt in die Morgenmesse und die Fenster der Kirche spiegeln bunt das Lachen der nahen Menschen wider und zerglitzern in der frühen Sonne.
Ich jedoch sitze hier in einem Meer aus Blau und Wärme und Kälte und die Dämmerung hängt immerfort vor den Fenstern. Und ich weiß nicht, ob es noch Nacht werden will und wo der Tag versiedet ist. Lose Tücher wehen dämmrig fahl über das stehen gebliebene Grinsen ferner Mitmenschen. Und ich bin hängen geblieben, in dieser ewig blauen Kirche.

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BeitragVerfasst: 21.02.2010 19:38 
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Hab ich vor Monaten schon geschrieben... hatte es aber noch nicht hier reingestellt.
Ich will mal wieder so richtig schreiben wie früher. :(

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BeitragVerfasst: 14.03.2010 11:06 
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Es ist fesselnd und gefühlsnah geschrieben. Beim lesen baut sich so eine Spannung auf, dass man unbedingt weiterlesen möchte... Find ich schön!

VG Cayenne

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