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Einfach Katze
Da war ganz schön viel Dreck dran, auch in den Augenhöhlen und zwischen den Haaren. Und diese standen zu allen Seiten ab und an einer Stelle fehlten sie ganz.
Und er würde ihm auch fehlen. Ganz.
Dort, wo die Haut aufgerissen und zu den Seiten aufgerollt war, sah man das Herz offen liegen, ganz still, ganz rot. So sah also ein Katzenherz aus. Fast wie unseres. Und es hatte nur drei Jahre für Mika schlagen können. Und drei Jahre lang hatte sein Herz für Jonny geschlagen.
"Jonny ist ein schöner Name", hatte Mama vor drei Jahren gesagt. "Wie wäre es denn mit Jonny?"
"Jonny... ich weiß nicht, Mama. Ich überleg´ es mir noch mal."
Dann war Mama tot. Und dann hieß die Katze doch Jonny.
Die Erde war ganz trocken, weil es lange nicht geregnet hatte, und knirschte, als sie von der Schaufel aufgestoßen wurde und nur nach unten hin wurde sie allmählich feuchter.
"Da, wo die Erde nass ist, sind die Würmer drin. Jetzt sieht man sie noch nicht", dachte Mika. "Die kommen immer erst raus, wenn das Grab schon zu ist. Immer erst dann." Und dann spürte er, wie salziger Schleim aus seiner Nase über seine Lippen und in seine Mundspalte lief und wischte ihn mit der Hand ab.
Und der Mann wischte den Schweiß, der ihm schon über die Stirn rann, mit seinem Arm ab, so schwer fiel es ihm, die Erde aufzustoßen. Und es fiel ihm schwer, weil es beinahe immer noch heiß war, obwohl der Abend hereinbrach. Er stützte sich mit seinem ganzen Gewicht von oben auf die Schaufel und grub, und grub. Bis das Loch tief genug war, um die Katze hineinzulegen.
Mikas Wangen waren ganz nass, denn er verwischte seine Tränen über sein Gesicht. Er wollte sie wegwischen, aber er verteilte sie nur überall um seine Augen umher. Während sich neue Tränen hinter seinen Lidern sammelten und dagegen drückten, weil er sie zurückhielt, trockneten die alten und machten seine Haut ganz ziepig. Bis er nichts mehr zurückhalten konnte, dann wurde alles wieder nass. Trocken, nass, trocken. Nass.
Vielleicht war die Fahrbahn auch nass gewesen und deshalb hatte man vielleicht nicht mehr bremsen können. Aber die Autos waren immer schon unvorsichtig gewesen, damals bei Mama schon. Sie machten auch keinen Unterschied zwischen Menschen und Katzen.
Mika wusste nicht so recht, ob er wegen Mama, Jonny oder den Menschen, die in Autos saßen, welche auf nassen Fahrbahnen fuhren, weinen musste.
Dann war es so weit. Das Grab war tief genug, der Mann packte die Katze an den Beinen und ließ sie über dem Loch los. Plumps, Erde drüber, plumps, zu. Nun hatten Mikas Tränen keine Zeit zum Trocknen mehr, sie quollen aus seinen Kinderaugen hervor wie salziger Honig. Seinen Mund konnte er auch nicht länger geschlossen halten und ein stummer Schluchzer wich nun daraus hervor über sein Gesicht, hinein in seinen kleinen zuckenden Körper. Und die Tränen liefen. Und liefen und liefen. Nass und nass. Und nass.
Der Mann stellte die Schaufel gegen den Gartenzaun, reckte sein Gesicht nach oben, öffnete seinen Mund, atmete einmal aus, einmal ein, wischte sich dabei den Schweiß von der Stirn. Und die Tränen liefen, und der Schweiß lief. Und die Tränen.
"Mein Gott!", stöhnte der Mann, streckte sein Gesicht dabei noch weiter nach hinten. "Mein Gott, hör auf zu heulen! Das war ein Viech, klar? Das ist kein Mensch!"
Er richtete sich auf, nahm die Schaufel und klopfte noch einmal auf das Grab, um die Erde fest zu drücken.
"Ich hab´ dir das Viech begraben, und jetzt wein´ nicht." Er klopfte ein letztes mal auf die Erde, stellte sich wieder auf, wischte sich über die Stirn. "Wir holen ´ne Neue von mir aus."
Mika wollte keine neue Katze und er wollte es nicht sagen. Er hatte seine Hände vor seine Augen gepresst und lauter stumme Schluchzer wichen durch seinen Körper hindurch, einer nach dem anderen. Dann drehte er sich weg, lief aus dem Garten, wischte sich dabei über die Augen und sagte kein Wort.
Der Mann sah ihm nach, reckte dann sein Gesicht gen Himmel, atmete ein, atmete aus. Er musste an Mama denken.
"Sei nicht so streng mit dem Jungen, wenn ich weg bin", hatte sie immer gesagt. Sie hatte oft Termine gehabt, hatte ihn alleine gelassen mit dem Jungen.
"Ich kann nicht gut mit Kindern umgehen", hatte er gesagt. "Ich weiß nicht."
Das war vorher gewesen.
"Komm´ schon. Eines, hm? Das bring ich dir schon noch bei."
Und dabei hatte sie gelächelt und ihr Lächeln war es gewesen, so glaubte er, das ihn überredet hatte. Mika war der einzige geblieben. Sie hatte zwei gewollt, er keines. Mika, das war ein Kompromiss.
Das war, bevor sie diese ständigen Termine hatte. Diese ständigen Termine. Und dann ist das Viech ins Haus gekommen; sie hatte es ganz ohne Korb dabei gehabt, einfach so in ihren Händen. Es war spontan gewesen. So wie sie. Sie hatte nie lange nachgedacht, bevor sie etwas tat, deshalb hatte sie damals nicht auf sich sondern nur auf die Katze geachtet. Und dann kam das Auto.
"Jonny, geh´ weg da!", hatte sie gerufen. Dann ist sie auf die Straße gerannt, hat mit der Hand gewedelt und gerufen "Gsch!", worauf das Viech, weil es wohl gedacht haben muss, jemand wolle mit ihm spielen, vor Übermut an den Grabenrand gerannt ist. Und dann kam das Auto.
Der Mann schüttelte seinen Kopf, strich sich über die Haare, nahm dann die Schaufel in die Hand und verließ den Garten. Er stellte sie im Hof an der Scheune ab und ging ins Haus, wollte schlafen. Es war schon spät.
Als er dann im Bett lag, hörte er den Jungen nebenan weinen und machte lange kein Auge zu. Geräusche gingen leicht durch die Wand hindurch, die zwischen ihnen war. Das Haus war so hellhörig.
Nach einigen Tagen am vormittag, als der Mann nach draußen kam, um zur Arbeit zu fahren, die er neben dem Hof machen musste, um genug Geld zu verdienen, war Mika bereits wach.
"Papa!", rief er. Der Mann sah sich um und bemerkte, dass der Junge einige Meter vor der Haustüre auf dem Boden saß. "Papa, Robert hat uns eine Katze da gelassen. Er hat gesagt, sie haben Junge, und ich könne eines haben, von ihm aus auch alle." Dann sah der Mann, dass Mika auf dem Boden hockte und vor sich ein kleines Kätzchen in den Händen hielt. "Kann ich sie behalten?"
"Von mir aus.", sagte der Mann und holte dabei seinen Autoschlüssel hervor.
"Holst du mir eine Dose Katzenfutter, bitte, Papa.", Mika hielt das Kätzchen am Bauch fest, das versuchte, seine Vorderpfötchen hinter der Hand hervor zu drücken und sein Köpfchen weit nach vorne streckte. "Ich kann nicht, Papa, ich muss die Katze festhalten, sonst haut sie ab."
"Ich hab´ eigentlich keine Zeit, Mika."
"Bitte, Papa. Schnell!"
Der Mann warf einen Blick auf das Kätzchen, ging in die Scheune und holte eine der Dosen und das weiße Tellerchen, das noch an seinem alten Platz stand.
"Und jetzt mach sie auf und tu einfach ein bisschen auf den Teller", sagte Mika.
Der Mann öffnete die Dose, drehte sie kopfüber und schüttelte sie bis das Futter herausfiel.
Mika ließ das Kätzchen los, das nun auf das Tellerchen zutappste. Es stieß mit dem Schnäuzchen gegen das Fleisch, schnellte etwas zurück, näherte sich erneut, schnupperte. Und dann streckte es seine Zunge aus seinem Mäulchen und begann die Soße, die um das Fleisch verteilt war, aufzuschlecken.
Mika saß daneben in der Hocke und musste lachen. Auch der Mann musste beinahe lachen, als er dem Kätzchen zusah.
"Ist ja doch ganz süß", sagte er und überwand sich, noch etwas zu fragen. "Und wie soll´s heißen?"
"Ich weiß nicht. Einfach Katze, denke ich."
Der Mann sagte nichts. Katze, das war vollkommen in Ordnung. Er hatte es nicht so mit Namen wie Mama.
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