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Der wunderbare Mann
Der kleine Mann mit den ockerfarbenen Haaren saß still in einer Ecke, die ziemlich dunkel war und auf die nur etwas fahles Dämmerlicht fiel.
Manchmal musste man sich in so eine dunkle Ecke zurückziehen, wenn alles, was man tat, wunderbar war. Genau dann baten arme, dunkle Ecken, die kein bisschen wunderbar waren, um Gesellschaft.
Diese dunkle Ecke passte genaugenommen auch ziemlich gut zu dem kleinen Mann mit den ockerfarbenen Haaren, denn nur manchmal gesellten sich nicht wunderbare Menschen zu ihr, und zwar genau aus dem Grund, weil sie dunkel war.
Deswegen merkten sie immer sofort, wenn sie mit einem mal nicht mehr alleine waren und setzten es oft auf ein Gespräch an.
"Warum bist du zu mir gekommen? Kenne ich dich?"
"Nein, ich glaube nicht, dass du mich kennst... ich bin ein Clown. Niemand kennt Clowns", sagte der Mann. "Ich brauche Abstand von den Menschen und von meiner Wunderbarkeit, das ist alles." Mehr sagte er nicht. Er fühlte sich nicht nach Gesprächen.
"Erklär´ mir, wie du das meinst, ich verstehe dich nicht.", sagte die Ecke. Sie verstand die Menschen nicht.
"Die Menschen sehen mich jeden Tag einen ganzen Haufen Unsinn machen. Ich bringe sie zum Lachen. Und dann heimse ich jede Menge Applaus ein, das ist mein Leben, mein Lieber. Ich brauche ein bisschen Abstand, das ist alles. Da bist du mir ein feiner Geselle."
"Du bist das! Die Menschen kommen von weit her um dich zu sehen. Du bringst sie zum Lachen, freust du dich nicht darüber? Ein feiner Geselle, sagst du? Von dem, was ich höre, schließe ich, dass dich die Menschen lieben. Sie lieben dich und du versteckst dich in eine dunkle Ecke!"
Es dauerte einen Moment, bis der Mann antwortete. Es dauerte überhaupt immer einen Moment, bis er jemandem antwortete.
"Die Menschen lieben mich nicht", sagte er nun. "Sie kennen mich nicht. Und du willst sagen, man könne Menschen lieben, ohne sie zu kennen? Du törichter Geselle, deine Einsamkeit hat dir wohl deinen Verstand vernebelt. Ja, sie lieben mein zinkweißes Gesicht, dass zu ihnen von weit unten aus der Maneige aufgrinst. Und die rote Knollennase, die ich mir um das Gesicht binde, die lieben sie, die finden sie schrecklich amüsant. Dabei wissen sie nichts vom Geschäft eines Clowns. Die Kunst des Witzes, die des Lustig-Seins, denkst du, sie verstehen etwas davon? Nein, sie finden mich nur wunderbar, mich, wenn ich ihnen meine hohe Kunst der Unterhaltung so oberflächlich vorführe. Oberflächlich... denken sie. Dabei merken sie gar nicht meine Leidenschaft dahinter. Denkst du im Ernst, sie kennen die Arbeit, die dahinter steckt? Jeden Tag trainieren muss ich, hartes Training ist das. Das Grinsemaul in die richtige Form bringen, die Lachfalten auf die richtige Intensität prüfen und sich obendrein ungeschicklich-plumpe Bewegungen in die Motorik brennen."
"Erzähl´ mir nix!", rief die Ecke. "Das ist deine Aufgabe, du Clown. Unterhalten sollst du die Menschen, und nicht erwarten, dass sie tief blicken."
"Das erwarte ich ganz und gar nicht", sagte der wunderbare Mann. "Ich brauche nur Abstand, das ist alles. Ich möchte nicht mehr wunderbar sein, ich habe die weiße Farbe von meinem Gesicht gewischt, nun möchte ich, dass man mich sieht. Und wenns nur ich selbst im Spiegel bin, mir soll es Recht sein. Wer sieht schon mein Gesicht, wenn es hautfarben ist oder meine Miene, wenn ich ihnen nicht furchtbar clownig entgegengrinse... oder meine spitze Hakennase? Aber solange ich das tu´, ihnen fett entgegengrinsen, dann finden sie mich wunderbar. Die Menschen finden alles wunderbar, solange sie mit ihren Luftmatratzen auf der Oberfläche schwimmen. Sobald sie in das tiefe Blau sinken, kriegen sie ganz gewaltig Schiss."
"Verstehe dich, wer will, ich tu´ es nicht", sagte die alte, festgefahrene Ecke. Sie verstand die Menschen nicht.
Der wunderbare Mann antwortete ihr nicht. Er hatte es schon zu oft gehört.
Bis es ganz dunkel geworden war, bis sich selbst das fahle Dämmerlicht verabschiedet hatte, und noch viel länger blieb er dort sitzen, in seiner Ecke.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, war es wieder hell geworden. "Allesamt Clowns", dachte er. "Nur, dass ihre Gesichter nicht weiß sind, das ist alles."
Er kleidete sich in sein dunkelblaues Kostüm und machte sich für seinen heutigen Auftritt bereit.
Er fing an, wieder wunderbar zu sein, und dachte dabei über die Menschen nach.
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