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Die durchsichtigen Fenster
Draußen auf der Straße murmelten erregte Stimmen, die sich eben noch im Wirtshaus vergnügt hatten.
Er hörte das durch die dünnen Fenster. Diese Fenster waren dünn, leer, durchsichtig. Dieses Durchsichtige mochte er überhaupt nicht. Er mochte es nicht, wenn etwas durchsichtig war und seine eigene Durchsichtigkeit mochte er am allerwenigsten. Es machte ihn alles furchtbar nervös. Das erregte Gemurmel auf der wirtshäuslichen Straße und die durchsichtigen Fensterscheiben.
Er zog die Gardinen zu. Links und rechts, bis sie sich in der Mitte trafen und kein Spalt mehr zu sehen war, bis sie die durchsichtigen Fenster völlig verschlossen und die dunkle, kalte Nacht vor dem verschlossenen Spalt patrulieren musste und dabei halft ihr der ganze Charme und Witz nicht. Sie konnte damit womöglich jungen Liebespäärchen schmeicheln, die sich ihr wolllüstig hingaben, der kalten dunklen Nacht, aber nein. Durch den von ihm eigenhändig durch das Zuziehen der Gardinen geschlossenen Spalt halften sie ihr nicht.
Der Fernseher flimmerte leise und übertönte das erregte Germurmel der Straßen. Es sei gut so, dachte er. Das bändigte ein wenig seine Nervosität. Im Fernseher tummelten sich ein Haufen froher Menschen in einem beengenden Raum. Und mit einem Mal meldete sich seine Nervosität zurück. Wie sie sich alle zusammendrängten in diesen engen, miefenden Partysaal, scheußlich. Wie sich ihre Knie aneinanderrieben, wenn sie tanzten, und ihre Stimmen sich gegenseitig übertönten, wie in einem Sturzbach einander überliefen, wenn sie versuchten, gegen die grölende Musik anzureden, das alles fand er so scheußlich, dass ihm ganz mulmig im Magen wurde und er spürte, wie etwas seine Kehle hinaufkroch.
Sofort nahm er die Fernbedienung und knipste den großen sperrigen Kasten aus. Ganz plötzlich würgten sich die sich gegenseitig übertönenden Stimmen der Menschen und die laute Musik wie von ganz alleine einfach ab. Er rannte ins Badezimmer und entledigte sich dessen, was er eben noch seine Kehle hinaufkriechen spürte. Und seines mulmigen Magengefühls.
Stille. Es hallte durch den ganzen schmalen Gang bis ins Wohnzimmer, wurde von den kahlen weißen Wänden reflektiert und wuchtete in einem einzigen Schallstrahl gebannt zurück gegen sein Gesicht. Stille. Es drang in seine beiden Ohren, hallte wider die Schädeldecke und bildete ein lautes Feuerwerk in seinem Kopf.
Stille. Das war es, was er am meisten hasste, den davon bekam er ein leises Piepen im Ohr. Er hasste Stille noch mehr als die durchsichtigen Fensterscheiben, noch mehr als seine eigene Durchsichtigkeit und noch mehr als erregtes Straßengemurmel.
Doch was nun? Was nun, wenn ihm sonst alles zu laut war und die Stille zu leise? Er suchte nach einem Mittelmaß.
Und das fand er, indem er sich auf sein blassblaues Sofa legte und nachdachte, in angenehm zarten Stimmen. Keine erregten Wirtshausstimmen waren es und sie waren nicht durchsichtig. Nicht so durchsichtig wie er selbst. Nun dachte er also nach, ließ Gedankensturzbäche fließen, die hier und da etwas ausgedünnt auch einmal nur leise rauschten. Er dachte nach über durchsichtige Fenster und durchsichtige Menschen, und wie man diese weniger durchsichtig machen konnte.
Bald hatte er jedoch von seinen Gedanken genug und beschloß, der wiederkehrenden Stille in seinem Kopf Einhalt zu gebieten, indem er sich einem Gespräch hingab, nur einem kleinen Gespräch zwischen Schulfreunden. Er erhob sich also von seinem blassblauen Sofa und wankte in den schmalen Gang, wo der kleine Tisch mit dem Telefon stand, daneben ein Schemel. Er setzte sich ganz und gar nicht auf den Schemel, wenn er telefonierte - dazu war er zu niedrig - er stützte nur immer seinen rechten Fuß darauf. Er konnte lange genug stehen beim Telefonieren, aber sein rechter Fuß wurde bei Zeiten dann so müde, dass er ihn stützen musste. Er wankte also in den schmalen Gang und merkte dabei, dass er wankte, worauf er sich schnurstracks gerade rückte und außerdem sah er, dass ihn die Stille verfolgte. Nein, sie würde ihn nicht einholen, er hob den Hörer und drehte die Scheibe genau fünf mal herum, wobei sie leise Geräusche von sich gab, die die Stille etwas im Zaum hielten. Das Telefon gab leise Tut-Laute von sich, bis jemand abhob.
"Jaah, wer ist da man?"
"Hey Malina... ich hier."
"Mensch, spinnst du, Markus. Nachts um halb eins mich anzurufen, was machst du, mensch...?"
"Ich kann nicht einschlafen, Malina. Die Stille plagt mich."
"Dann zieh´ dir die Decke über den Kopf, aber um Himmels Willen lass mir meine Stille."
"Dann ist es mir aber still. Und ich kriege dieses Piepsen im Ohr, du weißt doch."
"Na gut, mach´ dich fertig, ja?"
"Woher weißt du, dass-"
"Ach, Markus, du bist so durchsichtig."
Malina hatte aufgelegt.
Er ging ins Badezimmer, schlüpfte in seine Hose und zog sich sein Hemd über. Er schloss die Tür hinter der Stille und war froh, dass er nun leises Platschen von Regentropfen an die Fenster hören konnte. Recht so, dachte er, der Regen wird diesen durchsichtigen Fensterscheiben eine Lektion erteilen, wird sie so richtig durchnässen und die Durchsichtigkeit ihres Glases in trübe kleine Bächlein verwandeln, so, dass man nicht mehr hindurchsehen konnte. Außerdem übertönte es das erregte Wirtshausgemurmel in der kalten dunklen Nacht, und das war ihm nur recht.
Es war ihm solange recht, bis er das Klingeln an seiner Haustüre hörte, dann dachte er nicht mehr an den Regen, an das erregte Gemurmel, an die Stille, an die Durchsichtigkeit der Fenster, er dachte nicht mal mehr an seine eigene Durchsichtigkeit.
Er rannte die Stufen hinunter, die unter seinen Schuhen leise-laut pochten. Zusammen mit dem platschenden Regen gaben sie ein kleines Konzert, das ihn ein bisschen schmunzeln machte. Er öffnete die Tür (sie hatte keine durchsichtigen, sondern etwas milchige Glasscheiben) und da stand sie, Malina mit einem großen Regenschirm in der Hand.
"Komm schon, ich warte hier nicht ewig", sagte sie und dabei merkte man, dass ihre Hand etwas weh tat vom Halten des großen Regenschirmes, an dem der Wind zärtlich zerrte. Er wusste nicht, woran er es merkte, er warf keinen Blick auf ihre Hand. Er merkte es einfach. Vielleicht merkte er es an ihrer Stimme. Sie war durchsichtig. Er mochte ihre Durchsichtigkeit, ihre mochte er. Nicht jeder war auf gleiche Weise durchsichtig. Aber er hasste die Durchsichtigkeit der Fensterscheiben, durch die jeder Schaulustige gaffen und dir jegliche Privatsphäre mit seinen gierig-stierenden Augen entziehen konnte.
Sie liefen die lange Straße entlang und von den Seiten dröhnte ihnen immer noch erregtes Wirtshausgemurmel entgegen und ihre beiden Schritte tappten durch die platschenden Pfützen auf dem Gehweg. Nachts um halb eins.
Wie sie so nebeneinander liefen, sahen sie aus wie eines dieser Liebespäärchen, das in violett schimmernden Träumen dem Charme und Witz der dunklen kalten Nacht erlagen. Nein. Sie waren kein Liebespäärchen, die sich wolllüstig der kalten dunklen Nacht hingaben.
Sie half ihm, die Stille zu ertragen. Sie war seine Therapeuten, seine Mentorin, aber nicht seine Geliebte. Dafür war sie ihm zu schade. Sie liefen zusammen die Straße entlang und dann hörte er das erregte Gemurmel nicht mehr. Was der Fernseher nicht tat oder seine Gedanken, das tat Malina. Oh, er liebte seine kleine Malina, die für ihn so tapfer den Regenschirm in der Hand hielt. Er mochte ihre Autorität. Sie wirkte sehr authentisch, wenn sie dem Wind verbat, sich den Regenschirm zu eigen zu machen. Tapfer hielt sie seinem Zerren und Ziehen stand, bis sie ihn vertrieben hatte. Oh ja, es sah wirklich so aus, als hätte sie den Wind vertrieben. Als der Wind sich verzog, hatte der Regen auch keine Lust mehr und folgte beleidigt seinem Kumpanen. Eigentlich schien es so, als wäre er gerne noch etwas länger vom Himmel geplatscht. Aber Malina verbat es ihm. So sah es wirklich aus. So sah er seine Malina.
"Setz dich zu mir, Markus. Hier...", sie rückte ein wenig zur Seite auf der schmalen Holzbank am Rande vom Waldweg. Sie hatte eine Decke aus Synthetik darüber ausgebreitet, und er setzte sich nun zu ihr. Nachts um ein Uhr.
"Hier war es immer, nicht? Hörst du die Bäume? Und die kalte dunkle Nacht." Sie wusste, was in ihm vorging, so durchsichtig war er.
So saßen sie, beinahe eine ganze halbe Stunde lang auf der schmalen Holzbank am Rande vom Waldweg und gaben beide nicht ein Wort von sich, und die Stille gesellte sich zu ihnen.
Ein Freund war ihm die Stille nun.
"Bist du da, Markus?", sagte die Stille.
"Ich bin da", erwiderte er. Ruhig und gelassen.
"Lass die Stille doch nur zu dir kommen", unterbrach Malina. "Du hast immer nur Angst vor ihr. Was nützt es dir, wenn du sie nicht lässt? Vielleicht tut sie dir Gutes. Zieh´ nicht immer Gardinen."
"Sie tut mir gerade Gutes, Malina. Wirklich, Malina, es ist direkt schön, so zu sitzen." Er fühlte sich ruhig mit Malina neben ihm und verstand jedes Wort, das sie sagte.
Drei Jahre lang kannte er seine Malina nun schon und immer durchsichtiger wurden sie und er dabei. Beinahe durchsichtiger als die Fensterscheiben. Doch sie ließ er gerne schauen durch seine Fensterscheiben, sie war die einzige. Alle anderen verachtete er. Vor allen anderen zog er Gardinen.
"Hast du ein Piepen im Ohr?", fragte Malina und Markus horchte. Aber er hörte nur die Stille singen.
"Nein... nein, da ist kein Piepen. Mensch, Malina, da ist kein Piepen!"
"Siehst du? So einfach geht das, und nun? Sieh´ doch mal, was man alles anstellen kann mit der Stille, wenn man sie nur zu sich lässt. Horch´ doch. Was erzählt sie dir denn? Weißt du, was sie mir erzählt? Sie erzählt mir, dass ich hier gerne neben dir sitze."
"Sowas", sagte Markus. "Genau das erzählt sie mir auch, die Stille." Und dabei lachten sie sich einander an.
"Du, Malina, ich glaube, wir heiraten mal, was?"
"Möglich."
Dann sagten sie eine Weile lang nichts und er horchte nur dem Singen der Stille.
Er hörte sie Lieder singen von Hume und Kant, die lieferten sich einen Kampf. Und er hörte sie Lieder singen, von der Moral, die er in sich fand. Die gehörte ihm. Die Stille sang lange, leise Lieder. Undendliche Lieder.
So durchsichtig war er, dass Malina das alles mitbekam, denn sie musste lächeln über seine Einsicht.
"Was ist, denkst du, du kannst dein Essay nun schreiben?", fragte sie.
"Ich denke. Ja, ich denke.", antwortete er.
Dann standen sie auf, sie nahm die Synthetikdecke, faltete sie unter ihrem Arm und nahm den Regenschirm in die andere Hand. Für seine Hand war kein Platz mehr, aber das kümmerte ihn nicht, denn er hatte sie viel lieber in seinem Herzen, in seinem Kopf und in seinen Augen.
Dann wanderten sie den Weg zürück, die lange Straße entlang, zurück zu seiner Wohnung.
"Danke, Malina. Mensch, Malina-"
"Ich weiß schon, Markus." Er war so durchsichtig. Aber ihm machte es nichts aus. Er musste keine Gardinen vor ihr ziehen. Sie küssten sich flüchtig und umarmten sich kurz. Fast wie eines dieser Liebespäärchen.
"Wir sehen uns morgen, dann, hey?"
"Ja, morgen dann. Ich-"
"Du bringst die Kopien für die Klausuren mit, ja". Er war wirklich verdammt durchsichtig. "Also, bis morgen dann, ja? Ich küsse dich, wenn ich von dir träume, ja?", lächelte sie ihm entgegen.
"Mensch, Malina, du lächelst ja. Du bist so durchsichtig, Malina."
"Ich weiß", sagte sie und verschwand in die dunkle kalte Nacht, ermahnte die sich wieder leise anschleichenden Regentropfen und färbte dabei alles ein wenig lila.
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